Freitag, 18. Januar 2013

237 - 10. Besessen (Teil 1)



Die Krankenschwestern sahen ihr nach und tuschelten leise miteinander. Soweit Morgan es sagen konnte, waren die meisten Besucher längst gegangen, nur sie saß noch immer hier rum. Brain lag unverändert in seinem Bett.
Was habe ich auch erwartet? Dass er nach ein paar Stunden wieder aussieht, wie ein Mensch und strahlend im Bett sitzend eine Talkshow sieht? Wohl kaum.  
Sie setzte sich wieder auf den Stuhl und griff nach seiner Hand. Der Arzt sagte sein Zustand hätte sich verbessert, nur dass sie davon leider nichts sehen konnte. Er sah noch immer genauso schrecklich aus, wie vor zwei Tagen. Obwohl die Schwestern ihn sicherlich bereits gewaschen hatten, klebte noch immer Blut in seinem Gesicht und die Schwellungen waren zwar dunkler, aber nicht kleiner geworden.
Er muss endlich aufwachen.
Nach all den vielen Folgen Grey´s Anatomy, Emergency Room und Private Practice wusste sie, wie das Drama weitergehen würde, wenn er nicht bald aufwachte.
Jede Minute kroch elendig dahin und zu ihrer Schande begann sie sich nach einer Stunde zu langweilen. Das Zimmer war so trist, dass es nichts gab, worauf sie ihre Aufmerksamkeit sonst lenken konnte und den Fernseher einzuschalten kam ihr doch sehr unpassend vor.
In seinem Gesicht schillerten alle Farben, die Haut annehmen konnte. Sie betrachtete die Wunden immer und immer wieder, bis sie nicht einmal mehr hinsehen musste, um alle aufzuzählen. Etwas verkrampft betrachtete sie die Hand die sie hielt und kam nicht umhin, dabei auch ihre eigene zu sehen.
Ihr Wohnzimmer war noch immer unverändert und sie hatte es bisher vermieden, wieder einen Fuß in diesen Raum zu setzen, aus Angst, sie würde noch einmal durchdrehen.
Irgendwann kommt einfach alles hoch, das bedeutet noch nicht, dass ich irre bin…
Morgan wippte mit dem Fuß. Er würde einen Kaffee brauchen, wenn er aufwachte.
Vorsichtig erhob sie sich.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er genau in dem Moment aufwacht, in dem ich aus der Tür bin? Nicht so hoch, oder?
Sie rang einen Moment mit sich, bis sie ihm doch den Rücken zu drehte. Die Cafeteria war bereits geschlossen, so dass sie sich mit Automatenkaffee begnügen musste. Immer noch besser als gar keiner, auch wenn dieser eher die Farbe von Tee hatte. Die Krankenschwestern warfen ihr neugierige Blicke zu.
Bewaffnet mit zwei viel zu heißen Bechern, die sie den gesamten Flur über balanciert hatte, kam sie wieder in das Zimmer. Er schien sich nicht bewegt zu haben, nicht einmal einen Millimeter. Seufzend stellte sie die Becher auf dem kleinen Nachttisch ab und setzte sich wieder hin.
Wäre ja auch zu schön gewesen.
Inzwischen war es drei Uhr Morgens. Die Nachtschwestern hatten sie schon drei Mal darum gebeten, zu gehen.
Die müssen ihr schlechtes Gewissen ja auch nicht beruhigen.
Sie rieb ihre Hände aneinander. Dennoch beschloss sie zu gehen, bevor sie noch rausgeworfen wurde und nachdem sie auch den zweiten Kaffee geleert hatte, tat sie dies auch.
Die Nacht war eiskalt und sternenklar, die Busse fuhren mit einer Verspätung, so dass sie kurzerhand beschloss, zu Fuß zu gehen, dann konnte sie immerhin in Ruhe rauchen.
Sie zündete sich den Glimmstängel an und atmete tief ein, durch die kalte Luft musste sie leicht husten. Obwohl sie erst um 5 Uhr zu Hause war, ging sie nur schnell duschen und zog sich etwas Dickeres an, bevor sie sich wieder auf den Weg zu Brain machte.
Was, wenn er aufwacht und ich bin nicht da?
Sie fühlte sich langsam wie eine Mutter, die darauf wartete, dass ihr Neugeborenes endlich aus dem Brutkasten genommen wird. Brain hatte schon so vieles für sie getan und sie konnte nichts Besseres tun, als ihn abzuweisen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich war, musste sie es gewusst haben.
Wie hätte ich ihn die ganzen Jahre um mich haben können, ohne es auch nur zu ahnen?
Stundenlang hatte sie an seiner Schulter geweint. In der Zeit der Trennung war sie oft bei Brain gewesen, durfte seinen Duft nach Büchern und Kaffee einatmen und sich fest an ihn drücken. Oft hatte sie sich gefragt was passieren würde, wenn eine Frau in sein Leben trat und genauso oft war die Angst in ihrem Nacken da, dass es irgendwann wirklich soweit sein könnte. 
Brain würde sie nie betrügen, würgen oder verletzten, in welcher Form auch immer.
Er wäre der perfekte Vater ihrer imaginären, zukünftigen Kinder geworden und hätte sie im weißen Brautkleid über die Türschwelle getragen. Ihre Mutter jedenfalls wäre begeistert gewesen.
Aber ich konnte es einfach nicht, ich habe es nicht geschafft.
Ihr Stammplatz im Krankenhaus schien sogar noch warm zu sein. Auch dieses Mal hatte sie die Becher voller dampfendem, ungenießbarem Kaffee dabei. Der Duft erfüllte den ganzen Raum, doch auch nach dem zweiten Becher fielen ihr immer wieder die Augen zu. Inzwischen wusste sie nicht mehr, wann sie das letzte Mal geschlafen hatte, ohne dass sie das Einnicken im Bus mitzählte.
Ein Stöhnen erklang.
Zunächst war sie sich nicht sicher, ob sie es nicht selbst gewesen war.
Verwirrt schaute sie auf. Brain regte sich leicht, er blinzelte und gab noch einen Laut von sich, der irgendwo zwischen Verwirrung und Schmerz lag. Morgan reagierte so schnell, dass sie selbst überrascht war.
Sie rief nach den Schwestern, die sofort zu zweit kamen und einige Tests machten, bevor sie sich entschieden, den Arzt zu rufen. Sobald sie wieder allein waren, stürzte sie zu ihm und beugte sich mit tränenverschleierten Augen über ihn. 
„Gott sei Dank, du bist wach…“
Es schien einen Moment zu dauern, bis er sie erkannte, man konnte förmlich sehen wie schwer sein Gehirn es hatte, die Informationen um ihn herum zu verarbeiten.
„Morgan?“
„Ich bin´s“ bestätigte sie, obwohl sie sich dabei dumm vorkam. Sein Atem schrie nach einer ordentlichen Munddusche, doch das störte sie nicht einmal.
„Ich bin so froh, dass du wieder wach bist…“
Er stöhnte noch einmal und versuchte den Kopf zu heben.
„Es tut weh“ gab er gepresst von sich.
„Der Arzt ist schon auf dem Weg“ sagte sie schnell und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht.
Bin ich wirklich überrascht darüber, dass er Schmerzen hat oder nur, dass er es zugibt?
„Du bekommst gleich etwas gegen die Schmerzen“ versprach sie und wie auf ein Stichwort kam ein Arzt herein, stellte sich knapp vor und fragte Brain, wie er sich fühle und welche Schmerzen am schlimmsten wären, dann nahm er Blut ab und gab ihm eine Infusion.
Brains Stimme klang brüchig. Irgendwie tonlos, als wäre sie nur ein Schatten. Der Arzt wandte sich zu ihr, ohne sich die Mühe zu machen, zu lächeln. 
„Sie haben ein paar Minuten, aber dann braucht er wieder etwas Ruhe“ meinte er, blickte von ihr zu ihm und ließ seinen Blick dann wieder auf ihr ruhen. Sie nickte langsam.
„Wie geht es dir?“ fragte sie vorsichtig, nachdem der Arzt wieder aus der Tür war.
Brain sah sie nicht an.
„Das Schmerzmittel wirkt noch nicht. Wie lange war ich weg?“
Morgan beleckte ihre Lippen. Man sah ihr die lange Nacht an. Ihre Haare waren zerzaust und unter den Augen hatte sie dicke, dunkle Ringe. Ein neuer Ausdruck hielt ihre Züge versteinert und er konnte ihn nicht deuten. Noch vor ein paar Monaten hätte er nie geglaubt, dass sie je so aussehen konnte.
„Zwei Tage. Das Krankenhaus rief mich an, gleich nachdem du eingeliefert wurdest…“
Jetzt sah er sie an und schien etwas sagen zu wollen, doch dann legte sich ein Schleier über seine Augen. Die Medikamente begannen langsam zu wirken.
Eine Schwester riss die Tür auf und sah sie mit grimmigem Blick an.
„Die Zeit ist um…“ 
Sie zuckte heftig zusammen und hauchte Brain einen Kuss auf die Stirn.
„Ich komme nach der Arbeit wieder…“
Doch er reagierte schon gar nicht mehr darauf. Die Schmerzmittel hatten seinen Verstand fürs erste verschleiert und sie hoffte, dass sie ihm auch wirklich alle Schmerzen nehmen konnten. Ihn zurückzulassen brach ihr fast das Herz.

So! Wurde ja auch Zeit Euch dueses Kapitel vorzustellen! 
Morgen kommt dann der nächste Teil und ich werde versuchen, jeden Tag einen Teil zu posten! 

Kommentare:

  1. Er ist aufgewacht :D. Und er erkennt Morgan! *erstmal freu*
    Typisch diese Krankenschwestern, die einen immer grimmig fortscheuchen... auf die bin ich immer sauer.

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    1. :D na mal schauen wie lange die Freude bleibt!

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  2. Ich finde es sehr interessant geschrieben.

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  3. Sehr schön geschrieben finde ich, man kann sich gut in Morgan hineinversetzen und ich denk mal ich werd mir auch noch ein paar mehr Teile durchlesen :)

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